Volkstrauertag 17.11.2019: Gedenkworte des 1. Bürgermeisters Paul Gruschka an der Gedenkstätte für alle Opfer von Krieg und Gewalt im städtischen Kurpark

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir gedenken heute der Opfer von Krieg und Gewalt aus Vergangenheit und Gegenwart. In Trauer verneigen wir uns vor ihnen und hoffen auf Versöhnung und Frieden.

Unser Gottesdienst in St. Justina, der Schweigemarsch mit den Fahnen-abordnungen und die Versammlung hier vor unserer Gedenkstätte für alle Opfer von Krieg und Gewalt in unserem Kurpark ist ein Zeichen, dass wir diese Opfer nicht vergessen.

In diesen Novembertagen kommen wir nicht daran vorbei, an den 9.11.1938 als einen der dunkelsten Punkte in der deutschen Geschichte zu erinnern. Mit dem Novemberprogrom der Nationalsozialisten brannten die Synagogen und die Verfolgung der Juden begann. Rassenhass und Machtwahn der Nationalsozialisten führten zum Holocaust und lösten den II. Weltkrieg aus. An seinem Ende war Deutschland zerstört und wenig später auch in West- und Ostdeutschland geteilt.

Am 8. Mai 1945 endete der II. Weltkrieg. Der Krieg hatte Millionen von Menschen das Leben gekostet und ihnen ihre Zukunft geraubt. Deutschland lag in Schutt und Asche.

Es war daher eine großartige Leistung damaliger Staatsmänner, dass schon am 23.05.1949 die Bundesrepublik Deutschland gegründet wurde und am 24.05.1949 um 0:00 Uhr das Grundgesetz in Kraft trat. Das Grundgesetz war ursprünglich als eine Regelung für ein besetztes Staatsgebiet gedacht. Es ging aber fiktiv von der Souveränität und Gleichberechtigung der BRD in der Völkergemeinschaft aus, welch ein mutiger und weitsichtiger Gedanke nach dem verlorenen Weltkrieg. Dieses Wagnis sollte sich lohnen, denn das Grundgesetz diente und dient dem deutschen Staatsleben sehr viel länger als Grundlage, als 1949 angenommen. Es darf daher als gründliches Provisorium bezeichnet werden, das der BRD ein Hineinwachsen in eine nahezu vollständige Souveränität ermöglicht hat, was die friedliche Wiedervereinigung vor 30 Jahren belegt.

In diese turbulente Zeit fällt auch die Erhebung von Bad Wörishofen zur Stadt am 12.11.1949, die wir am vergangenen Dienstag festlich feiern durften. 70 friedliche Jahre besteht die Stadt Bad Wörishofen nun, keine Selbstverständlichkeit.

 

Dass wir heute an unserem Denkmal für die Opfer gedenken und uns gleichzeitig freuen, dass am 09.11.1989 die Mauer zwischen West- und Ostdeutschland fiel und sich die Menschen aus Ost- und Westdeutschland in den Armen lagen, erscheint nur auf den ersten Blick widersprüchlich.

Die Präambel unseres Grundgesetzes formulierte u.a. :

„Das gesamte Deutsche Volk bleibt aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden.“

Wir wissen, dass es viele Westdeutsche gab, die an das Ziel der nationalen und staatlichen Einheit nicht mehr glaubten. Ihnen entgegnete Bundeskanzler Helmut Schmidt gerne sinngemäß, dass hierzu auch die Bürger der DDR ein Wörtchen mitzureden hätten, schließlich gehe es um das Selbstbestimmungsrecht der Ostdeutschen.

Die Hoffnung der Deutschen auf eine Wiedervereinigung war zudem stets die Sorge unserer Nachbarstaaten, trotz Europa.

Aber diesmal meinte es die Geschichte gut mit uns. Ausgerechnet der russische Staatschef Gorbatschow mit seiner Perestroika und seinen Vorstellungen von einem „gemeinsamen europäischen Haus“ setzen positive Signale, dass die Wiedervereinigung eine Chance haben könnte.

 

Im August 1989 baute die ungarische Regierung die Grenze zu Österreich ab und Ostdeutsche versuchten über die deutsche Botschaft in Budapest ihre Ausreise zu erzwingen. Schon damals aber erst Recht am 9.11.1989 spürten wir, dass etwas Neues begann, ohne genau zu wissen dass das letztlich in die Wiedervereinigung münden sollte.

Die Bürgerinnen und Bürger Ostdeutschlands waren nicht länger bereit, die SED-Staats- und Parteispitze zu tolerieren. Ihr Unmut war gewaltig. Sie bewiesen Zivilcourage und ich höre bis heute ihren mächtigen Ruf „Wir sind das Volk“. Wer die Staatsmacht der DDR bei schikanösen Grenzkontrollen, auf den Transitstrecken usw… erlebt hat, weiß genau, dass die Bürgerinnen und Bürger enormen Mut bewiesen. Man rechnete jeden Moment damit, dass der friedliche Protest mit Waffengewalt gebrochen würde und hoffte auf Gorbatschow. Es war dieser friedliche Protest, der die schreckliche Mauer, an der so viele Menschen ihr Leben gelassen hatten, zu Fall brachte. All das ist jetzt 30 Jahre her, also 1 Generation. Das Wissen darüber schwindet und deshalb ist es wichtig, daran zu erinnern.

 

In geschichtlichen Zeiträumen betrachtet, liegen also Alptraum und Jubel nah beieinander. Die in Ostdeutschland in der DDR gelungene Umsetzung des Bürgerwillens mahnt uns, Werte wie Freiheit, Demokratie und die Wahrung der Menschenrechte stets zu verteidigen. Sie alle wissen, dass die Menschenrechte allen Menschen zustehen, während die Bürgerrechte nur den deutschen Staatsbürgern zustehen.

 

Deshalb schützt Art. 1 GG die Menschenwürde und enthält 3 Kernaussagen, die wir uns immer wieder vergegenwärtigen müssen:

  1. Die Unantastbarkeit der Würde des Menschen als höchstem Rechtswert.
  2. Das Bekenntnis zu den Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft.
  3. Die Bindung von Gesetzgebung, Rechtsprechung und Verwaltung an die Grundrechte als unmittelbar geltendes Recht.

 

Unsere Geschichte zeigt uns, wozu Menschen im Guten, wie im Bösen fähig sind.

Diese Gedenkfeier in unserem Kurpark mahnt uns, Antisemitismus, Ausländer-feindlichkeit und rechte Gewalt nicht zu verharmlosen. Dies schulden wir den Gefallenen und Opfern. Und erst Recht schulden wir Ihnen, dass wir uns im Kleinen, wie im Großen für Freiheit, Frieden und Wahrung der Menschenrechte einsetzen.

So empfinde ich jedenfalls den Auftrag meines im II. WK mit 27 Jahren gefallenen Großvaters Paul Gruschka, den ich nie kennenlernen durfte. Sein Auftrag „Nie wieder Krieg“ erreichte mich nur über meine Großmutter Anna, die ihn wiederum über meinen Vater an mich weitergab. Solche Beispiele gibt es sicherlich in vielen Familien.

 

Ich danke daher allen Menschen, die sich im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge für den Bau und die Pflege der letzten Ruhestätten dieser Opfer einsetzen.

 

Ich danke aber auch allen Menschen, die sich für ein gemeinsames Europa einsetzten, denn dieses war und ist der wichtigste Garant für die letzten 70 Jahre Frieden und auch für den Frieden in Zukunft. In diesen Dank sind auch alle Soldatinnen und Soldaten eingeschlossen, die mit ihren Auslandseinsätzen den Frieden sichern und sogar ihr Leben gegeben haben.

All die Opfer, denen wir heute gedenken, haben mit ihren Hoffnungen, Erfahrungen und ihrer Zuversicht den Weg in eine andere Zukunft auf der Basis unseres Grundgesetzes geebnet. Eine Zukunft, die jetzt unsere Gegenwart ist.

Deshalb wünschte ich zum 70. Jahrestag der Stadterhebung unserer Kneippstadt Bad Wörishofen mindestens 70 weitere Jahre Frieden auf der Basis unseres Grundgesetzes in einem einigen Europa.

 

Paul Gruschka
Erster Bürgermeister